Special Operation 2006 - Erfahrungsbericht
Adrenalinschübe, Atemnot, Wankelmut und immer wieder die Frage "was man sich da nicht schon wieder antut" ... doch dann geht es zur Luke und einen Schritt weiter findet man sich nach ein paar Sekunden völliger Orientierungslosigkeit hängend an einem Fallschirm wieder. Erst jetzt kommt die völlige Ruhe, die wunderbare Aussicht und das Gefühl freien Schwebens in einem auf. Wahnsinn!
Auch dieses Jahr wollte ich mit 3 Kameraden meiner Einheit dieses Erlebnis wieder wahr machen und so stieß ich auf einen stets freundlichen und hilfsbereiten Stefan Eicker. Nach ein paar Telefonaten und mehreren e-Mails war dann auch alles perfekt und wir starteten den 1100 km langen Anfahrtsweg nach Krakau. Dort angekommen wurden wir im Kreise der anderen Springer freundlich begrüsst und konnten schon die ersten Kontakte zur internationalen Teilnehmer- Gruppe knüpfen.
Schon bald kam der versprochene "Luxusbus", der uns nach Rivne (Ukraine) weiterchauffieren sollte. Das war nicht zu viel versprochen, Klimaanlage, Bar, Toilette, Fernsehanlage und bequeme verstellbare Sitze liessen die Anfahrt angenehm erscheinen...wenn da nicht die unsagbar schlechte Wegstrecke in der Ukraine wäre. Aber so nutze man die Zeit, um sich mit Soldaten aus Deutschland, Polen, Frankreich, Dänemark, Schweden, Groß Britannien, Österreich und der USA bekannt zu machen. Nach etwa 12 Stunden Fahrt und vielen interessanten Eindrücken aus der Ukraine sind wir dann an dem ehemaligen Ausbildungsort für Ukrainische Fallschirmspringer angekommen. Heutzutage wird der Platz laut eines Soldaten vor Ort für Reservisten, Touristen, Segelflieger und Fallschirmspringer genutzt. Die ersten Worte vor Ort kamen in ukrainischer und russischer Sprache, doch wir hatten Übersetzer dabei und untereinander half man sich, wenn es denn einmal nicht ganz so verständlich war. Sofort wurde ein Ablaufplan erstellt, indem wir zuerst eine Begehung des Objektes machten und nach dem Mittagessen mit der Ausbildung für Anfänger oder der Einweisung für Fortgeschrittene begannen. Gesprungen werden konnte an diesem Tage mit der russischen Fallschirmtechnik D5 und D6, jeweils mit selbst auszulösender Hauptkappe und stabilisiertem Freifall (was für ein Genuss!!!). Der D6 war zusätzlich noch drehbar. Dann ging es auch schon los, Fallschirme anlegen, Helm oder Panzerfahrerhaube aufsetzen und ab in die Antonov AN-2. Nach ein paar Worten unseres russischen Absetzers, begannen wir auch schon mit den Sprüngen aus 950 m Höhe. Kaum waren wir aus dem Flugzeug raus, und hatten unser "Programm" abgearbeitet erschloss sich bei diesem perfekten wolkenfreien Wetter ein atemberaubend schöner und weiter Blick über die unendlich scheinenden Weiten der ukrainischen Tundra. Nach der Landung in der weit einzusehenden Absetzzone packten wir unsere Schirme in die Taschen und gingen langsam zurück Richtung Flugplatz. Erfreulicherweise kam auch schon jemand mit einem sehr alten spritfressenden Ungeheuer in Lkw-Form auf uns zu, um uns einzusammeln. Nachdem besonders die amerikanischen Kameraden geflucht haben stellten wir fest, dass es gefährlicher sei hier auf der Ladefläche mitzufahren, als am Schirm zu hängen.
Diesen Sprung wiederholten wir noch einmal und danach waren wir dann zum Abendessen in das Esszimmer eingeladen worden. Die Erstspringer beliessen es bei einem Sprung an diesem Tag; sie sollten zuerst ihre Erstspringertaufe über sich ergehen lassen, was für alle eine Mordsgaudi war, da hier nicht weniger als 30 (!!) Hände auf den Hosenboden knallten.
Am Abend begann dann die Verleihungszeremonie für das russische Abzeichen, welches sich nach einem unanständig tiefen Schluck aus der Flasche erst im Mund des Springers befand, und nach dem Händeschütteln des Obersts dann herausgeholt und stolz getragen werden durfte. Der Abend war für einige noch lang geworden, andere sahen sich der Übermacht an Wodka nicht mehr entgegen. Aber so wurde die Zunge lockerer und sprachliche Barrieren kaum mehr vorhanden.
Am nächsten Morgen ging der Weckruf um 05.00 Uhr (!!) los, wir begannen nach dem Frühstück gleich weiter mit den nächsten 2 bzw. 3 Sprüngen. Diesmal wurde begrenzt auch polnische Fallschirmtechnik L2-Kadett sowie der russische D1 angeboten. Mir blieb wieder "nur" ein D5 übrig, aber den kannte ich nun. Der letzte Lohn des Springens war eine Absetzroutine mit dem amerikanischen Absetzer, was natürlich mehr emotionaler war, da hier mehr gesprochen wurde, als beim russischen Absetzer. Nach der Landung fand ich mich umgeben von Kühen wieder, was meinen Fallschirmeinpackvorgang stark beschleunigte, da ich schon Hörner gesehen hatte. Zu allem Übel winkte in 200 m Ferne auch noch ein Bauer mit Strohhut mit einem langen dicken Rohr (eine Waffe?). Als er mir näher kam entpuppte es sich als ein ukrainischer Bauer mit Krückstock, der mir lediglich zeigen wollte, dass hier noch einer gelandet sei. Puh, Glück gehabt.
Als wir dann alle wieder gesund und munter am Flugplatz zurückgekehrt waren, fand die Verleihungszeremonie für das Polnische und das Amerikanische Abzeichen statt. Das war ein schöner Abschluss. Dann hiess es zusammenpacken und Abschiednehmen, auch von den denkwürdigen sanitären Einrichtungen. Ein langer Weg lag vor uns und wir hielten um mal etwas einzukaufen oder um essen zu gehen. Das liess die Fahrt nicht so lang erscheinen. Aber nach etwa 15 Stunden Fahrt (der Grenzübergang forderte seinen Tribut) haben wir dann wieder den Boden von Krakau unter den Füssen. Wir unterhielten uns noch, verabschiedeten uns erneut und machten uns auf weitere 1100 km Heimfahrt auf.
Doch das fiel hier nicht negativ ins Gewicht, es war ein interessantes und schönes langes Wochenende mit unvergessenen Eindrücken und Erfahrungen und zuguterletzt der Gewissheit, an etwas Besonderem teilnehmen zu dürfen. Fallschirmspringerkameradschaft.
Glück ab!
OFw Remo Waldbauer
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